„Kino der Moderne“ – Eine Ausstellungskritik von Dr. Ulrike Laufer

Kino der Moderne. Film in der Weimarer Republik. Hg. v. d. Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn und der Deutschen Kinemathek Berlin, Dresden 2018, 196 Seiten, 250 Abb., Festeinband, 29 €.

Als Uwe M. Schneede, seit mehr als 40 Jahren einer der besten Ausstellungsmacher, 1970 unter der Fragestellung „Wozu Ausstellungen?“ ebenso knappe wie präzise Antworten gab, setzte er eine an oberste Stelle: Information (Kunst und Unterricht Heft 8, 1970, S. 45-46). Die Ausstellung „Kino der Moderne. Filme in der Weimarer Republik“ informiert über Filmproduktionen in der Weimarer Republik, in erster Linie über die Adaption der Moderne in der Weimarer Republik und den Einfluss den Filme auf Mensch und Gesellschaft in dieser Republik. Obwohl die Kuratorinnen auf grundlegende einführende Artikel verzichten, leisten sie einen großen Beitrag zur kulturhistorischen Analyse dieser Epoche. 

Schon in ihrem Prolog zum Begleitband der Ausstellung wie auch im als Marktplatz oder Forum angelegten Entrée und zentralen Raum der Ausstellung wird deutlich, wie sehr das Filmschaffen in der Weimarer Republik die Konflikte um ein neues gesellschaftliches Selbstverständnis in dieser Zeit widerspiegelt. Film und Metropole gehörten zusammen: Die Beziehung zwischen der neuen Urbanität und dem Filmschaffen steht im Fokus. Berlin wurde zum Epizentrum des neuen Mediums – sichtbar gemacht für alle eben durch den Film und die schnelle Verbreitung von Lichtspielhäusern und -vorführungen. 

Die Filmmacher agierten und reagierten, sie kreierten neue Bilder und dokumentierten zugleich Zustände und Gegebenheiten in der Weimarer Republik. Doch die Kuratorinnen beschränken ihre Darstellung verdienstvoller Weise nicht auf die deutsche Filmproduktion. Frankreich, Russland, Amerika werden immer wieder einbezogen. Dank vielfältiger ästhetischer Innovationen blieb die deutsche Filmproduktion beispielgebend und führend auf dem internationalen Markt. 

Die Filme prägten das Bild vom Menschen dieser Zeit, sie prägten aber auch die Menschen selbst. Die Kinos fungierten als Traumpaläste und Horte der Moderne zugleich. Das Publikum suchte sich unter vielfältigen Stars seine Vorbilder, wobei die Filmindustrie Wert darauflegte, Stereotypen zu schaffen (den Beau, den Vamp, die Naive, das Girl), die den Erwartungen der Menschen an eine moderne Gesellschaft entgegenkamen. Das Kino der Moderne bot neue Identifikationsmöglichkeiten für emanzipierte Frauen – gerne mit Bubikopf und Krawatte – und es bot Frauen neue Berufsmöglichkeiten. Frauen vor der Kamera werden in vielen Beiträgen thematisiert. Mit ihrem Beitrag „Aufbruch ins Unbekannte. Frauen hinter der Kamera“ verweist Gerlinde Waz auch auf Frauen als Filmautorinnen, Regisseurinnen und Produzentinnen, wobei dieser „Input von Frauen“ mit dem Aufstieg des NS ein Ende nahm. 

Der Stummfilm brauchte Großaufnahmen von Gesicherten zur Darstellung von Seelenzuständen. Wie eindrucksvoll diese Großaufnahmen waren, vermittelt auch der Katalog in effektvollen aber sparsam eingesetzten, ganzseitigen Abbildungen. Die Inszenierung der eigenen Persönlichkeit wurde schon damals zum Kult. Zur Herstellung von „Selfies“ dienten neue aus Amerika kommende Apparate, mit denen man in Berlin ab 1929 die schnell immer beliebter werdenden Photomaton-Aufnahmen herstellen konnten. Bewusst lehnten sich diese an die Staraufnahmen der jungen Filmindustrie an. In Katalog und Ausstellung werden anonyme Photomaton-Aufnahmen mit Fotografien von SchauspielerInnen und Szenenaufnahmen verglichen. Sehr deutlich wird damit die Absicht der KuratorInnen, in den Mittelpunkt Ihrer Darstellung des Kinos der Moderne den Menschen selbst zu stellen, seine Betroffenheit von der Moderne und sein Umgang mit den neuen Herausforderungen und Möglichkeiten. Dabei werden Konflikte und Krisen, auch Überforderungen wie das Trauma des Ersten Weltkriegs nicht ausgespart. Filme erscheinen als das adäquate Mittel diese Zerrissenheit der Menschen in der Weimarer Republik zwischen Aufbruch und Krise einzufangen und uns noch heute vor Augen zu führen. Sie spielen eine immense, tragende Rolle in unserer kollektiven Erinnerung. Filme, Drehbücher, Szenen- und Kostümbilder, Plakate und auch Filmpartituren sind wichtige kulturhistorische Quellen und Zeugnisse dieser Epoche. 

Dies gilt auch für die Kunstgeschichte. Die ausgewählten Filme spielten mit den Möglichkeiten des Expressionismus, des Surrealismus oder auch des Dadaismus, der Neuen Sachlichkeit und des Konstruktivismus. Bildende Künstler, Musiker und Schriftsteller ließen sich faszinieren. Sie beteiligten oder initiierten Produktionen, entwarfen Szenenbilder oder lieferten Drehbuchvorlagen (z. B. Fernand Leger, George Grosz, Käthe Kollwitz, Heinrich Zille). Film-Interieurs konfrontierten das Publikum mit neuen Stilrichtungen, modernem, futuristisch anmutendem Design und unbekannten Wohnwelten, wie den Salons der Bohème oder privaten Turnstudios sportvernarrter Filmfiguren. 

Nicht nur in den Wochenschauen förderte der Film die Anteilnahme und Teilhabe an Gesellschaft und Kultur in bisher unbekanntem Maße. Das Publikum erlebte Mode, die Fortschritte der Wissenschaften (Thomas Mann begeisterte sich an Nahaufnahmen vom Operationstisch), der Technik (von der Telefonvermittlung bis zur Rakete) Psychoanalyse, Laster und Travestie, Natur und Exotismus und mit besonderer Vorliebe Sportveranstaltungen. Der Einfluss von „Wege zu Kraft und Schönheit“ (1925) auf Kunst und Kultur der Weimarer Republik ist nicht zu unterschätzen. Unterstützt wurde diese Faszination durch immer neue technische Möglichkeiten – von Flugzeug – bis zu Mikroskop- und Röntgenaufnahmen. 

Zugleich war das Kino der Moderne aufgrund seines großen Einflusses auf die Gesellschaft ein politisches Medium. Die einander bekämpfenden Weltanschauungen dieser Zeit entwickelten jeweils eigene Stile und letztendlich Produktionsfirmen, wobei ohne Zweifel die von der Industrie gesteuerte UFA über den größten Einfluss verfügte. In seinem Beitrag „Politik“ weist Rolf Aurich auf die problematische Handhabe der Filmzensur (nur das Jahr 1919 blieb zensurfrei) und die personelle Verquickung zur NSDAP hin. Unter den sozialkritischen Filmen gab es viele Beiträge, die sich mit dem Paragraphen 218 auseinandersetzten, zumeist von Frauen realisiert wurden und die Debatten um die Abschaffung des Abtreibungsverbots in der Weimarer Republik erheblich anheizten. 

Den Ausstellungskuratorinnen Kristina Jaspers (für die Bundeskunsthalle Bonn) und Annika Schaefer (für die Deutsche Kinemathek) ist nicht nur eine zugleich unterhaltsame wie informative Ausstellung gelungen, sie haben auch ein wunderbares Begleitbuch zur Ausstellung geschaffen, das weit über den Anspruch eines Kataloges hinausgeht. Dass der eigentliche Katalog mit der Nennung der Ausstellungsexponate nurmehr im Anhang zu finden ist, tut dem Informationsgehalt dieses Werkes keinen Abbruch – im Gegenteil. 

Die Kuratorinnen haben größten Wert auf Information und Wissenschaftlichkeit gelegt. Dies beweisen nicht nur die Auswahl der AutorInnen sondern auch die akribischen Personen- und Filmregister. Auf eine Hierarchisierung der Themen etwa durch eine numerische Gliederung wurde allerdings verzichtet. Trotzdem erscheint das Werk auch dank der übersichtlichen Gestaltung gut strukturiert und klar gegliedert. Die beiden großen Themenblöcke des Katalogs „Modernes Leben“ und „Neues Sehen“ entsprechen ganz der Gliederung der Ausstellung. Es ist schade, dass gerade der technologischen Seite des Filmemachens im Begleitband keine eigenen Beiträge gewidmet werden, zumal in die Zeit der Weimarer Republik die Wende vom Stumm- zum Tonfilm fällt. Ein Teil der Ausstellung widmet sich durchaus unter dem Schlagwort „Werkstätten“ auch technischen Aspekten wie „Drehbuch“, „Produktion“, „Szenenbild“, „Kostümbild“, „Regie“, „Kamera“, „Montage“ etc. Verschiedene Katalogbeiträge beziehen diese Themen auch ein. Auf diese Weise ergänzen sich Begleitbuch und Ausstellung in äußerst unterhaltsamer und informativer Weise. 

Wieder einmal hat der Sandstein Verlag in Dresden es mit großer Sensibilität und Kreativität vermocht, das Thema einer Ausstellung unmittelbar in die Gestaltung eines Katalogs oder Begleitbuchs umzusetzen. Das von Joachim Steuerer gestaltete Werk bedient mit seinem ansprechenden, an die Verpackung von Filmrollen erinnernden Hardcover-Einband und der dramatischen, den Stummfilmen und Cinema-Interieurs entsprechenden Farbigkeit den Anspruch eines Coffeetable-Books. Verstärkt wird diese Wertigkeit durch die auf dem Umschlag uns entgegenschwebende Brigitte Helm aus dem Film Metropolis (1927, Fritz Lang) sowie immer wieder großformatigen Aufnahmen von Schauspielerinnen, Plakaten, Studioaufnahmen oder Screenshots, die zum Weiterblättern einladen. Die lesefreundliche Aufteilung und Typengröße verstärkt die Entdeckerfreude und verführt zum Lesen 

Autorin: Dr. Ulrike Laufer, Mitglied im Arbeitskreis „Moderne im Rheinland“, Kuratorin und Historikerin