Petition für das Theatermuseum in Düsseldorf

Eine Vielzahl an Kultureinrichtungen zeichnen das Rheinland aus. Die Dichte der theaterhistorischen Institutionen gehört dazu: neben der Theaterwissenschaftlichen Sammlung der Universität zu Köln gehört hierzu auch das Theatermuseum der Landeshauptstadt Düsseldorf mit seinem umfangreichen Archiv. Dieses ist nun von der Schließung bedroht – der von der Stadt angedachte Umzug würde das Archiv erhalten, jedoch den Ausstellungsbereich schließen. Eingespart würden die Renovierungskosten, die der bisherige Ort, Schloss Jägerhof, erfordert, um weiter genutzt zu werden. Eingespart würde aber vor allem die Sichtbarkeit der Theatergeschichte Düsseldorfs und ihre Relevanz für die Kulturgeschichte der Region. Der Freundeskreis des Theatermuseums Düsseldorf hat eine online-Petition gestartet, die Sie hier unterschreiben können.

Nachruf auf Eva Pankok

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In den letzten Jahren wird niemand, der das Glück hatte, Eva Pankok im Gespräch zu erleben, ohne diese wichtige Empfehlung sich verabschiedet haben: „Wenn Du einem Nazi begegnest, musst Du brüllen.“ Diese Botschaft, so erzählte sie anlässlich eines konspirativen Nachmittags im Spätsommer 2011 gab sie stets den Kindern mit, die das museumspädadogischen Programm in Haus Esselt besuchten, aber auch allen anderen: Kulturmachern, Politikern, Professoren, Freunden, Besuchern … Sie selbst hatte erlebt, wie ihre Mutter, Hulda Pankok, als Soldaten das Grundstück durchsuchen wollten, diese durch Signale der Dominanz – laut und deutlich – zur Umkehr zwang. Auch unsere Studierenden lernten von ihr Zivilcourage, als sie überraschend am 5. April 2013 in Begleitung von Annette Burger im Theatermuseum der Landeshauptstadt Düsseldorf erschien und der Eröffnung des digitalen Briefwechsels Louise Dumont an Gustav Lindemann beiwohnte. Nun ist Eva Pankok am 16. Februar 2016 mit 90 Jahren gestorben. Wir, d.i. das Institut „Moderne im Rheinland“ an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, trauern um sie und danken ihr für die Impulse, die sie unermüdlich gesetzt hat: Mut, Hoffnung und Liebenswürdigkeit.

Regionalität und Urbanität. Normen und Entdeckungen in literarischen Landschaften

von Gertrude Cepl-Kaufmann

Folgen wir der Titelmatrix, so wird ein Problemfeld offeriert, in dem es weder um eine konkrete Region noch um eine Stadt geht. Stattdessen gelten beide als Topoi, an die je eine Eigenschaft gebunden zu sein scheint. Beide geben in besonderer Weise Parameter preis: Regionalität ist scheinbar das Nicht-Urbane, bemisst sich in einer Dimension, die zwar eine Stadt einbeziehen kann, aber darüber hinaus in einer Fläche bemessen wird. Nicht zuletzt mit der Bezugsgröße „Urbanität“ entwickelt Regionalität die Tendenz, sich hierarchisch zu unterwerfen.

„Regionalität“ lässt sich unterschiedlich bewerten: Verorten wir sie auf einer Subebene, bedeutet das Regionale das Reduzierte, dem sich das „Überregionale“ als das Umfassendere vorordnet. Hier greift eine elaborierte Vorurteilsstruktur. Regionalität und Provinzialität erscheinen als Synonyma. Genauso aber lässt sich Regionalität auf einer Metaebene ansiedeln, nämlich dann, wenn sich ein in den Dimensionen der Region strukturierendes Gemeinwesen um eine alternative Belegung bemüht, z. B. das Rheinland. Es entzog sich dem Herrschaftsdiskurs Berlins in Sachen Kultur und suchte eine eigene Urbanität und Modernität. In einer Zeit, in der z. B. die „kopflosen Zeitungen“ in Berlin gemacht und der Region vorgesetzt, d. h., nur noch mit einem regionalen Titel und angereichert durch zusätzliche, regionale Nachrichten ergänzt wurden, finanzierten Industrielle in Düsseldorf ab 1900 eine eigene Zeitschrift, „Die Rheinlande“, die die großdimensionierte Region mit Kulturnachrichten versorgte. Man vernetzte sich in einem Feld aus historischer Tradition und alternativer topographischer Nähe, anders als andere Regionen, z.B. das schlesische Breslau mit seiner engen Anbindung an Berlin. Walter Meckauer hatte es auf den Punkt gebracht: „Was ein echter Berliner ist, stammt aus Breslau“[1]. In dieser Schiene hätten sich im Rheinland weder Künstler noch Schriftsteller je verortet, mochten sie noch so gute Verbindungen mit Berlin haben! Berlin musste bei der Suche nach Eigenheit der Region nicht aufgegeben werden, hatte sich aber in ein differenziertes Feld einzubringen. Die mental map der Moderne führte Paris – Berlin – Rheinland zusammen. Urbanität und Regionalität waren mit dem Anspruch auf einen Avantgardestatus verbunden. Akteure, Gruppen und kulturtragende Institutionen waren ihre Macher. In einer Fülle von Publikationen und Forschungen hat der „Arbeitskreis zur Erforschung der Moderne im Rheinland“[2] dazu Fakten bereitgestellt.

Regionalität – Modernität – Urbanität lassen sich als Trias sehen, an der sich die These erhärten lässt, dass jede Vorstellung von Regionalität einer differenzierten Einbindung in Systeme und vergleichende Topographien bedarf, um aussagereich erforscht werden zu können.

Welcher Erkenntnisgewinn mit einer so begründeten These zu erzielen ist, soll ein Blick auf die Nachbarregion zeigen, für die zwar die Kategorien Regionalität und Urbanität gelten, nicht aber die Modernität, ja, das Besondere dieser Region ist die selbstbewusste Loslösung von den ästhetischen Normen der Moderne. Rheinland und Ruhrgebiet sind, im Blick auf das frühe zwanzigste Jh., divergente literarische Landschaften, geradezu Parallelwelten. Tertium comparationis ist dabei die „Avantgarde“, der Anspruch, Träger einer ästhetischen Leitkultur zu sein. Diese Parallelwelten zeigen sich im Kontext einer Politisierung der Literatur seit Ende des 19. Jh.:

Die kulturhistorische Leitlinie, die Schriftsteller zu einem politischen Engagement motivierte, ist datierbar: 1898. Emile Zola liefert in der Dreyfus-Affaire mit seinem offenen, auf der Titelseite der Zeitschrift L’Aurore unter dem Titel „J’accuse“ abgedruckten Brief an den Staatspräsidenten Felix Faure die Urszene und Gründungsurkunde des Intellektuellen. 1910 transferiert Heinrich Mann mit seinem Aufruf „Geist und Tat“ die Politisierung des Schriftstellers in das Diskursfeld Deutschland. Ab 1915 entwickelt sich daraus ein Pazifismus, der Dichter und Maler gleichermaßen aktivierte. Kultursoziologisch eindeutig hierbei: Intellektuellendiskurse gehen von Schriftstellern aus bürgerlich-akademischem Milieu aus. Motiv ist die mit dem Krieg unübersehbar werdende Verletzung der aus dem Geist einer französisch-aufklärerisch-revolutionär motivierten Trias der Menschenwürde.

Im revolutionsgeschwängerten Jahr 1918 vereint der Rätegedanke als Idee die Schriftsteller in den Aktivistenbünden und „Räten geistiger Arbeiter“, z. B. um Heinrich Mann und Kurt Hiller. Symptomatisch für deren Denken ist das Konzept eines platonischen „Herrenhaus des Deutschen Geistes“.

Durchweg geht dieser „Aktivismus“ parallel mit einer hohen Sympathie für die Ereignisse in Russland/UDSSR. Zu nennen ist z.B. Kandinsky, der sofort in seine Heimat zurückkehrt. Ihm folgen deutsche Dada-Autoren wie Franz Jung. Der Tatlinturm wird zum Bekenntnis einer Ästhetik der Moderne, ebenso wie Proletkult, Futurismus und Russischer Formalismus.

Nur das kulturelle Rheinland mit seinem urbanen Intellektuellenmilieu, nicht aber das wirtschaftsmächtige Ruhrgebiet hat diese ästhetische Revolution rezipiert. Hier zeigte sich die Anbindung des Rheinlands an die Europäische Boheme. Es bestehen Verbindungen z.B. der Münchner Räterepublik ins Rheinland: Gustav Landauer war in Düsseldorf Dramaturg am Schauspielhaus, dort wurde die Siedlung „Freie Erde“ ganz „aus dem Geiste Landauers“ gegründet. Kölns Avantgarde siedelte im Kalltal. Dort liest man Landauers Kropotkin-Übersetzung „Über die gegenseitige Hilfe im Tier- und Menschenreich“, Ret Marut aus München findet in Simonskall Unterschlupf. Der „Aktivistenbund Düsseldorf 1919“ mischt sich ein, aus Dresden kommt Otto Dix, die Kunstakademie wird politisch. Kulturhistorisch und kultursoziologisch bedeutend werden Max Ernsts und Hans Arps Fatagaga-Dada-Arbeiten, Paul Eluard nebst seiner Frau Gala kommen, von dort wechselt man nach Paris und geradewegs in den gemeinsamen Surrealismus. Die Ereignisliste ist erheblich!

Ein ähnlich motiviertes Ambiente des Ruhrgebietes fehlt! Es gibt keine intellektuelle Subkultur, Künstlergemeinschaften oder topographisch fixierbare Sammlungsbewegungen. Bürgerliche und proletarische Kultur begegnen sich nicht vor Ort! Mit diesem Urteil könnten wir es bewenden lassen, wenn sich nicht gerade in dieser Zeit, gänzlich unabhängig von den rheinischen Avantgardehochburgen, eine eigene literarische Landschaft Ruhrgebiet entwickeln würde: beginnend beim Ruhrkampf, entdeckt und konstruiert von einer neuen, parteipolitisch, proletarisch motivierten Dichtergeneration, wenn auch erst aus der historischen Distanz von fünf Jahren. Der Ruhrkampf hatte die Erlebnisbasis abgegeben. Mit der retrospektiven Glorifizierung des Ruhrgebiets aus dem Geiste der Revolution, des Generalstreiks, der Etablierung einer Roten Armee im Ruhrkampf erhält die daraus entstehende Literatur die klassische Funktion des Mythos: die Erzählungen sind zugleich Schöpfungsmythos und Erzählung der Heldenzeit! Diese erkennbaren Strukturen einer gegen Ende der 20er Jahre sich formierenden kommunistischen Ästhetik gehen zwar von Berlin aus, z.B. der Schriftstellerorganisator BPRS, doch sie finden erst mit dem Ruhrgebiet eine eigene Landschaft.

Im Gegensatz zur zeitgleich entstehenden rechtsradikalen Literatur lesen wir hier keine Heroisierung des Ruhrkampfes, sondern die Genese und Heroisierung des neuen proletarischen Menschen, dessen genuine Heimat das Ruhrgebiet sein musste. Die Opfer der Märzrevolution von 1920 nannte man „Märzgefallene“, kontextualisierte sie im Rückgriff auf die Revolutionen des 19. Jh. Die poetische Opfermetaphorik und Resakralisierung durch den Expressionismus kam diesem regionalen Messianismus entgegen!

Wieso wurde das Ruhrgebiet zum neuen Ort? Was konnte das Ruhrgebiet im Sinne Bourdieus als Kapitalien einbringen: Es war literarisch nicht belegt! Der Begriff „Ruhrgebiet“, der uns heute geläufig ist, setzte sich erst ab Ende der 20er Jahre durch. Die Ruhrkampfautoren entwickeln im Verzicht auf eine Teilhabe an einer europäischen Avantgarde ihre erlebniszentrierte Aneignung der Ereignisse im Ruhrgebiet. Sie gab den Arbeitern Bilder von sich selbst und eine Sprache, in der sie über sich nachdenken konnten! Die Würde des Menschen war an ihr Arbeitsfeld gebunden, machte die Themen Lohngerechtigkeit, den Sinn von Arbeit, Solidarität und Mitgefühl literaturfähig.

Eine solche literarische Konstruktion des Ruhrgebiets gelingt erstmals in Kurt Kläbers Erzählungen „Barrikaden an der Ruhr“ von 1925. Sofort verboten und noch 1929 beschlagnahmt, brachte es seinem Autor und den Vertreibern des Bandes eine Anklage wegen „literarischem Hochverrat“ ein. Gegengutachten von Gerhart Hauptmann, Hermann Hesse, Thomas Mann und Theodor Heuss halfen nicht.

Trotz des Fehlens einer theoriefesten und parteipolitischen Untermauerung gelingt Kläber die Vermittlung der Spontaneität der Arbeiterkämpfe und die Erfindung glaubhafter Muster proletarischen Verhaltens. Bürgerliche Familienstrukturen werden überwunden. In kurzen Skizzen erleben wir: „Die Arbeitslosen“ ebenso proletarisch aktiv wie „Die Streikenden“. Die Erzählung „Die Barrikade“ verbindet das einfache Denken, die aufrichtige Haltung, das menschliche Leiden mit einer schlichten Sprache, die den Ruhrgebietsmenschen scheinbar entspricht. Kläber lässt den Leser am Bau einer Barrikade und zugleich am allmählichen Wachsen der Solidargemeinschaft teilhaben. Die tapfere Gesellschaft zeigt keine makellosen Helden, sondern gebrochene, vom Leben gezeichnete Figuren, denen die Anstrengung ins Gesicht steht. In dieser Gesellschaft haben alle ihren Platz, auch die Frauen:

Sie bauten alle mit. Da war zuerst der alte Brand, ein Schachthauer von der nahen Zeche. Er war dick und gedunsen vom fallenden Wasser, aber er hatte starke Arme und ein unförmiges Genick. Neben ihm half der kleine Schneider, der bei ihm zur Miete wohnte. Ein hageres Kerlchen, mit abstehenden Ohren und aufgeschwemmten, roten Augenlidern. Sie nannten ihn das Karnickelchen. Hinter ihm schleppte sich der schmächtige Rohrleger Bennemann mit einem Balken. Er stemme ihn quer zwischen zwei eingerammte Pfähle, damit die Barrikade auch Halt bekam. […] Sogar die Mutter Menke schleppte ihren gebrechlichen Körper aus dem Dachgeschoss herunter, lief zwischen den Männern hin und her. Schob und hob mit und murmelte dabei vor sich hin. Sie waren alle nicht hastig bei dieser Arbeit. Schleppten, gruben, zimmerten, bauten, als verrichteten sie ihr Tagewerk. Langsam wurde die Barrikade höher.“[3]

Kläbers höchst öffentlichkeitswirksamem Ruhrgebietserstling folgen weitere Ansiedlungen in der neugewonnen Landschaft: Zur theoretischen Fundierung trägt Karl Grünbergs Roman „Brennende Ruhr“ von 1928 bei. Er ist „gewidmet dem Andenken der namenlosen Helden des Ruhrkrieges 1920“. Hans Marchwitza erzielt 1930 mit dem Roman „Sturm auf Essen. Die Kämpfe der Ruhrarbeiter gegen Kapp, Watter und Severing“, erschienen als Bd. 1 der Reihe „Roter-eine-Mark-Roman“ hohe Auflagen und motivierte den Autor, den Bedarf an proletarischer Ruhrgebietsliteratur mit dem Roman „Schlacht vor Kohle“ zu befriedigen.

Eine neue literarische Landschaft war geboren! Um das urbane Milieu einer rheinischen Moderne in ihrem ästhetischen Feld im Dreieck Paris – Berlin – Rheinland hat sie sich nie gekümmert!

Quelle: Vielheit und Einheit der Germanistik weltweit, hrsg. v. Francizek Grucza, in: Akten des XII. Internationalen Germanistenkongresses Warschau 2010 (Publikationen der Internationalen Vereinigung für Germanistik (IVG) 5), Frankfurt 2013, S. S. 297 -301.


[1] Walter Meckauer: Licht in der Finsternis. Fragmente sowie eine ausführliche Bibliographie. Einführung Carel ter Haar. Köln 1988 (Eine Walter Meckauer Kreis Edition), S. 42.

[2] Vgl. dazu: Konstruktionsprozesse der Region in Europäischer Perspektive. Kulturelle Raumprägungen der Moderne, hrsg. v Gertrude Cepl-Kaufmann u. Georg Mölich, Essen 2010.

[3] Kurt Kläber: Barrikaden an der Ruhr. Erzählungen aus den Kämpfen des Ruhrproletariats, Berlin-Schöneberg 1925, S. 169.