CFP: Carl Einstein im Kontext neuer Avantgardetheorien, Düsseldorf (25.10.2019)

Tagungskooperation des Instituts „Moderne im Rheinland“ an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf mit der Carl-Einstein Gesellschaft/Societé Carl Einstein, 12.03.-13.03.2020 in Düsseldorf

Carl Einstein war Teil und Motor der europäischen Avantgarde. Mit Werken wie z.B. Negerplastik und Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders sowie mit seiner inter- bzw. transdisziplinären Positionierung zwischen Literatur, Kunst, Kritik, Aktivismus, mit der Vielzahl seiner Wirkungsräume, seinem weitläufigen Netzwerk und in der Rezeptionsgeschichte seines Werkes, ist Einstein fester Bestandteil der Avantgardeforschung. Darüber hinaus ist die Beschäftigung mit seinem Leben und Werk Teil der Arbeit an der Definition von Avantgarde.
Umfassende kultursoziologische Theoriebildung zur Avantgarde wie die von Gehlen, Bürger, Bourdieu und Luhmann, scheinen „heutzutage unmöglich geworden“ (van den Bergh/Fähnders) zu sein. Das Phänomen der Avantgade(n) hat sich als derart facettenreich erwiesen, dass statt einer „Gesamttheorie“ eine theoretische Ausdifferenzierung nach relationalen, zeitlichen und räumlichen Kriterien nötig geworden ist (vgl. Asholt), wobei auch die in den soziologischen Ansätzen vernachlässigten ästhetischen Fragestellungen stärker in den Vordergrund rücken.

In der Avantgardeforschung des 20. Jahrhunderts ist der Begriff der Avantgarde immer wieder aus der Militärsprache hergeleitet worden „Die Avantgarde, die Vorhut, war eine militärische Vorsichtsmaßnahme.“ (Böhringer) Bei aller Differenziertheit der Auseinandersetzung des Avantgardebegriffs zwischen Militär und Künsten diente der aggressive Anteil der Lesart immer auch als Erklärung für avantgardespezifische Irritationen wie die Kriegsbegeisterung der Futuristen. Denn in den rezeptionsgeschichtlichen Narrativen von Moderne und Avantgarde, in denen nur über die Künste der Impuls zu einer zukunftsfähigen Gegenwart und Zukunft in der Moderne erfolgt, wenngleich diese fortwährend an der gläsernen Decke zu Gesellschaft und Politik scheitern, bedurfte es einer Legitimation für die antiemanzipatorischen Anteile in den gleichwohl formalästhetisch modernen oder avantgardistischen Werken und/oder Akteur*innen. Über den Begriff der Avantgarde gelang es, eine semantische Ebene zwischen künstlerischer Innovation und begriffsimmanenter Assoziation einzuziehen, die zugleich eine ästhetizistische Legitimation transportierte: Als künstlerische Innovation unterliegt das als Avantgarde betitelte Werk per se einer moralischen Aufwertung. Die Gründe für die assoziative Aufwertung gemeinsam mit dem Begriff der „Moderne“ sind dabei auch in der direkten Nachkriegszeit und den amerikanischen Bildungsprogrammen zu suchen. Nicht zuletzt ist Avantgarde zu einem Modewort geworden, vergleichbar mit „Moderne“, dessen inhärente Gegenposition zum System durch die Integration in den Ausstellungs- und Forschungsbetrieb systemstabilisierend eingemeindet wurde. „Avantgarde ist heute überall“, konstatiert Wolfgang Asholt. Angesichts des inflationären Gebrauchs in der Gegenwart bedarf es insofern nicht nur einer Ausdifferenzierung im theoretischen Feld, sondern auch einer kritischen Reflexion des Begriffs.

Neue Perspektiven für die Avantgardeforschung ergeben sich auch durch die Vernetzung mit Forschungsansätzen zur Inter- bzw. Transkulturalität. Indem bisher nur unzulänglich berücksichtigte Aspekte der Forschung und Kulturgeschichtsschreibung fokussiert werden, kommt es zu einer Verschiebung der bisherigen Dimensionen des Begriffs der Avantgarde. Als Teil dieser Bewegung lässt sich die Forschung zu den vergessenen oder unberücksichtigten Ideen von Avantgarde und Moderne zählen, z.B. in der Tradition Peter Bürgers, im Sinne der Hauntologie (Derrida) oder auch der Arbeit Jacques Rancières, wie sie aktuell an verschiedenen Orten im Kontext von „Avantgarde“ thematisiert werden. Parallel dazu erfährt der Begriff Avantgarde in den letzten Jahren eine ausweitende Lesart in andere historische Kontexte: Sowohl im Bereich des Barocks als auch der Nazarener Stilrichtung findet er z.B. Anwendung und wird auch in Bezug auf die Frühromantik diskutiert. Insofern scheint Avantgarde nicht mehr ein singuläres Phänomen der Moderne zu sein, sondern eines, das in einem „mehrere literarische Epochen involvierenden Rahmen zu untersuchen“ (Sabaté Planes/Feijóo) ist.

Tagungsausrichtung und -ziel

Mit Blick auf diese Verschiebungen in Gebrauch, Verständnis und Theorie der Avantgarde, möchten wir uns im Rahmen einer Tagung erneut mit dem Werk Carl Einsteins beschäftigen. Ganz im Sinne der transgressiven Stoßrichtung der Avantgarde soll die Ausrichtung disziplinübergreifend sein und auch die Grenzen des Wissenschaftsbegriffs ausloten. Dementsprechend wird die Veranstaltung an einem Ort der freien Kunstszene mit historischem Bezug zur Avantgarde stattfinden, in dem Künstler*innen, Schriftsteller*innen gemeinsam mit den Vertreter*innen des Wissenschaftssystems über die Relevanz Carl Einsteins im Kontext unserer gegenwärtigen Avantgardebegriffe nachdenken.

Erwünscht sind Beiträge in deutscher, englischer oder französischer Sprache zu folgenden Themen und Kontexten:

  • Zur Rezeptionsgeschichte Einsteins im Kontext von Avantgarde und historischer Avantgardetheorie
  • Kritische Reflexionen des Avantgardebegriffs ausgehend von Carl Einsteins Leben und Werk
  • Carl Einstein als disziplinäre Herausforderung
  • Interdisziplinäre und transdisziplinäre Interferenzen: Carl Einstein zwischen Wissenschaft und künstlerischer Praxis
  • Carl Einstein und die Kunst nach 1945. Z.B. zu Einstein und Happenings
  • Befreiungsphänomene und kulturelle Praxis
  • Sprachspiel, Bildspiel – Transfer von Deutungselementen
  • Entmaterialisierungen, die Avantgarde als Entmaterialisierungsereignis
  • Topographische Forschungen zu Carl Einstein
  • Künstler*innen und Gesellschaft: Poeta doctus, poeta laureatus, poeta vatus, schöpferische Indifferenz, etc.
  • Ästhetische Heteronomie
  • Netzwerkforschung: die Avantgarde im Kontext ihrer Netzwerke

Organisatorisches


Wir bitten um Themenvorschläge und Zusendung eines Abstracts (ca. 800 Zeichen) bis zum 25.10.2019 an Dr. Jasmin Grande (Institut „Modernde im Rheinland“ an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf), grande@phil.hhu.de, und Dr. Eva Wiegmann (Carl-Einstein Gesellschaft/ Societé Carl Einstein), e.c.wiegmann@gmx.de.

Literatur

  • Asholt, Wolfang (Hrsg.): Avantgarde und Modernismus. Dezentrierung, Subversion und Transformation im literarisch-künstlerischen Feld, Berlin/Boston 2014.
  • Bergh, Hubert van den/Fähnders, Walter: Die künstlerische Avantgarde im 20. Jahrhundert – Einleitung, in: Dies. (Hrsg.): Metzler Lexikon Avantgarde, Stuttgart/Weimar 2009, S. 1-19.
  • Böhringer, Hannes: Avantgarde. Geschichten einer Metapher, in: Archiv für Begriffsgeschichte 22.1 (1978), S. 90-114.
  • Creighton Nicola / Kramer, Andreas (Hrsg.): Carl Einstein und die europäische Avantgarde/Carl Einstein and the European Avant-Garde, Berlin/Bosten 2012.
  • Magerski, Christine: Theorien der Avantgarde: Gehlen – Bürger – Bourdieu – Luhmann, Wiesbaden 2011.
  • Mauz, Andreas/Weber, Ulrich/Wieland, Magnus (Hrsg.): Avantgarden und Avantgardismus. Programme und Praktiken emphatischer kultureller Innovation, Göttingen 2018.
  • Sabaté Planes, Dolors /Feijóo, Jaime (Hrsg.): Apropos Avantgarde. Neue Einblicke nach einhundert Jahren, Berlin 2012.